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Stadtmission: Kirche und Moderne sind kein Widerspruch

Kardinal Schönborn und Pastoraltheologe Zulehner hielten im Stephansdom "Dialogvortrag" zum Auftakt des Internationalen Evangelisationskongresses - Wiener Erzbischof: Kirche darf nicht "mit erhobenem Zeigefinger durch die Stadt gehen"

Wien, 24.5.03
Wenn die Kirche in der heutigen Gesellschaft neu missionieren will, muss sie einige ihrer Einstellungen ändern. Das betonten Kardinal Christoph Schönborn und der Pastoraltheologe Prof. Paul Zulehner am Samstag im Wiener Stephansdom in ihrem "Dialogvortrag" zum Auftakt des Internationalen Evangelisationskongresses. Die Kirche dürfe die Lebensbedingungen, Kultur und Zivilisation von heute nicht von vorneherein als glaubens- und kirchenfeindlich ansehen, so Schönborn. Und sie müsse lernen, mit Pluralismus und Vielfalt in ihren eigenen Reihen zu leben.

Im Lauf des 20. Jahrhunderts habe die Kirche in Österreich - nach dem Ende des Staatskirchentums - mühsam und in einem langen Prozess gelernt, "freie Kirche in einer freien Gesellschaft zu sein", in Kooperation, aber nicht unter dem Schutzschild des Staates, stellte der Kardinal fest. Sie habe auch gelernt, sich nicht mehr an eine bestimmte politische Partei zu binden. Sie lebe heute auch intern "mit einem politischen Pluralismus, von rechts bis links".

Die Erfahrung, dass sich in der Kirche selbst die Vielfalt der Gesellschaft widerspiegelt, sei "ein Stück Moderne mitten in der Kirche". Die Kirche in Österreich habe in den vergangenen Jahren in einem - manchmal schmerzlichen - Dialog-Prozess versucht, mit diesem Pluralismus zurecht zu kommen. Auch die Stadtmission sei ein Stück Lernkultur "Kirche sein in der Moderne". Zwischen unterschiedlichen Kräften in der Kirche - Katholische Aktion, Bewegungen, Pfarren - gebe es zwar immer wieder noch Reibungspunkte, "aber es ist ein echtes Miteinander geworden", so Schönborn.

Ein weiteres Stück Moderne sei die Gleichzeitigkeit von Mystik und Skepsis. Der Christ müsse im Glauben fest stehen, aber der Glaube sei keine Ideologie, sondern kenne viele Fragen und bedeute, sich immer wieder neu zu bekehren. Zur Skepsis der Moderne ja sagen bedeute, "sich selbst immer neu in Frage zu stellen", betonte der Wiener Erzbischof. Wer nicht ständig in sich "den Stachel der Bekehrung" spüre, könne das Evangelium nicht verkünden.

Freiheit und Wahrheit

Zulehner wies darauf hin, dass gerade in Europa die Kultur der Moderne Probleme mit dem Evangelium, mit Glaube und Christentum habe. In Amerika etwa vertrage sich Modernität durchaus mit Christentum und Evangelium. Die Kirche in Europa müsse daher gerade dort präsent sein, wo es die "zugespitzte moderne Kultur gibt", und das sei meist in den großen Städten. Unter europäischen Christen herrsche oft Sorge, es könnte "das Moderne in die Kirche eindringen", stellte Zulehner fest. Aufgabe der Christen sei es aber, die moderne Kultur so zu gestalten, dass sie keinen Menschen bedroht.

Ein "Kunstwerk einer missisonarischen Kirche in modernen Gesellschaften" ist laut Zulehner, "Freiheit mit der Wahrheit zusammenbringen". Einerseits tendiere die heutige Gesellschaft zu "Beliebigkeit ohne Wahrheit", andererseits sei "Freiheit ohne Wahrheit auch für den modernen Menschen unerträglich". Der Theologe verwies auf die Erfahrung von irtschaftsunternehmen: Wenn man kein "klares Produkt" habe, wenn die Menschen nicht wissen, wofür man steht, habe man auf dem Markt keine Chance. "Gerade in solchen Zeiten braucht man klare Positionen", sagte Zulehner. Er wünsche sich daher "eine Kirche, die sich bei allem Respekt vor der Freiheit klar für das Evangelium positioniert, also eine klare 'Produktidentität' hat".

In den vergangenen zehn Jahren ist - wie Zulehner berichtete - aus Umfragen in Europa ein Trend zur "Respiritualisierung" der Großstädte feststellbar. Die Menschen hegten wieder "mehr Hoffnung über den Tod hinaus", sie schätzten Gebet und Meditation wieder stärker, suchten nach der eigenen Tiefe - als Ausweg aus einer banalen, oberflächlichen Lebensweise. Außerdem habe der "hochindividualisierte Mensch" zunehmend das Gefühl, er habe seine Würde und seinen Wert verloren. Er suche daher in größeren Zusammenhängen wieder Würde und Wert. "Die Menschen möchten heraus aus dem Gefängnis ihrer Kleinheit und Bedeutungslosigkeit", so Zulehner.

Verstärkt feststellbar sei auch die Suche von Menschen nach seelischer Heilung, nach Befreiung von krank machender Angst. Andere wiederum suchten einen Ausweg aus einer Kultur, in der nur Konkurrenzkampf herrsche, hin zu Gemeinschaften, in denen "eine Ethik der Liebe" herrscht. An dieser "Suche nach dem lebendigen Gott", nach Rückkehr an den "spirituellen Ursprung" könne Neuevangelisation anknüpfen.

Schönborn und Zulehner warnten auch vor einer zu starken "Moralisierung" des christlichen Glaubens. Man wisse aus Studien, "dass die Menschen die Moral gar nicht verachten, sondern sagen: 'Wir schaffen sie nicht'", berichtete Zulehner. Schönborn hob hervor, die Botschaft der Kirche sei zuerst eine Botschaft der Barmherzigkeit. Jeder Mensch sehne sich danach, "gerade", nicht "krumm" zu sein, und erlebe, dass er dabei immer wieder auch scheitert. "Viele große Heilige haben am Ende gesagt, dass sie sich nur der Barmherzigkeit Gottes anvertrauen können. Die Botschaft der Kirche ist nicht die Botschaft der Beliebigkeit, sondern der Barmherzigkeit", hob der Kardinal hervor.

Gerade in Großstädten fänden sich viele seelisch verwundete Menschen, etwa nach gescheiterten Ehen. Die Kirche dürfe nicht "mit erhobenem Zeigefinger durch die Stadt gehen", sondern müsse mit Jesus sagen: "Auch ich verurteile dich nicht". Es fehle den Menschen heute nicht an Schuldgefühlen, so Schönborn, sondern am Lernen, mit berechtigten Schulgefühlen, mit Schuld, Scheitern, Versagen umzugehen. Viele Menschen seien bereit, "die Tür des Evangeliums zu öffnen, weil sie ahnen, dass diese Botschaft nicht eine Verurteilung, sondern eine Aufrichtung ist". Und Evangelisierung sei "nur möglich durch Menschen, die selber Barmherzigkeit erfahren haben, dann können sie Zeugen des Evangeliums sein".

Zulehner erinnerte daran, dass Evangelisation nur gelingen könne, wenn die Kirche "bei den Menschen ist" und ihre alltäglichen Sorgen und Nöte teilt. Es könne keine Stadtmission geben, ohne etwa ein Auge zu haben für arme und vereinsamte Menschen. So könne es die Kirche nicht einfach hinnehmen, dass immer wieder Menschen unbemerkt von ihrer Umgebung sterben. Weitere Felder kirchlichen Engagements seien etwa eine kinderfreundlichere Gestaltung der Stadt und das Schicksal der Fremden in der Stadt. Besondere Aufmerksamkeit müsse auch Angehörigen anderer Religionen gewidmet werden. "Es wird in der Stadt keinen Frieden geben, wenn es nicht Frieden zwischen den Religionen gibt", so Zulehner.

Katholischer Pressedienst


   "Große Städte sind heute die Orte des Evangeliums"

Kardinal Schönborn und Bürgermeister Häupl bei der Eröffnung des Internationalen Evangelisationskongresses und der Stadtmission auf dem Wiener Stephansplatz - Wiener Erzbischof betont gute Zusammenarbeit zwischen Stadtverwaltung und Kirche in der Bundeshauptstadt

Wien, 24.5.03
Die großen Städte sind heute die "Orte des Evangeliums", sagte Kardinal Christoph Schönborn am Freitagabend bei der Eröffnung des Internationalen Evangelisationskongresses und der Stadtmission auf dem Wiener Stephansplatz. Viele Menschen seien auf der spirituellen Suche, Türen öffneten sich für das Evangelium.

Bürgermeister Michael Häupl betonte, Wien sei in der glücklichen Lage, mit dem Stephansdom nicht nur ein historisches, sondern auch ein spirituelles Zentrum zu besitzen. Der Bürgermeister erinnerte an das Symposion Großstadtseelsorge, das vor zwei Jahren im Festsaal des Wiener Rathauses eröffnet wurde: Dort sei es um Themen gegangen, "die uns einen", wie Frieden und sozialer Zusammenhalt. Mit der Kirche verbinde ihn viel, unterstrich Häupl, in anderen Punkten gebe es "Diskussionsbedarf". Es sei aber guter Wiener Brauch, das Gemeinsame in den Vordergrund zu stellen und über das Trennende miteinander zu reden.

Kardinal Schönborn erinnerte an die hohe Lebensqualität Wiens und die große christliche Tradition der Stadt. Die Spuren des Evangeliums in Wien seien aber nicht nur der Stephansdom und die anderen Gotteshäuser, sondern auch die sozialen Einrichtungen und der soziale Geist der Stadt. Es sei dies ein gemeinsames Erbe von Sozialdemokraten und Christlichsozialen, betonte der Wiener Erzbischof: "Das sind Werte des Evangeliums, die auch heute lebendig sind". Zugleich sei dies die Grundlage für die "erfreulich gute Zusammenarbeit" zwischen Stadtverwaltung und Kirche in der Bundeshauptstadt.

Wien bedarf des Evangeliums

Wien bedarf aber in einer neuen Weise des Evangeliums, sagte der Kardinal. In einer Stadt mit 50 Prozent Single-Haushalten gebe es viel Einsamkeit und Isolation. Wien sei eine sehr sichere Stadt, aber "sehr unsicher für Ungeborene". Daher bedürfe Wien auch des "Evangeliums des Lebens", einer positiven Einstellung zum menschlichen Leben vom Anfang bis zum natürlichen Ende. Die vielen Einrichtungen für Mütter, Kinder, Alte, Sterbende seien erfreuliche Ansätze in dieser Richtung.

Kardinal Schönborn dankte der Gemeinschaft "Emmanuel", die den ersten Impuls für die Stadtmission gegeben hat, der Katholischen Aktion der Erzdiözese Wien und den 110 Stadtpfarren, die mittun. Besonders herzlich begrüßte der Wiener Erzbischof die zahlreichen Delegationen aus den Partnerstädten Paris, Lissabon und Brüssel, wo es in den kommenden Jahren ebenfalls Internationale Evangelisationskongresse und Stadtmissionen geben wird.

Katholischer Pressedienst


   Evangelisationskongress und Stadtmission starten am Freitag

Wien wird mehr als eine Woche Schauplatz eines kirchlichen Großereignisses - Eröffnung mit Kardinal Schönborn und Bürgermeister Häupl

Wien wird vom 23. Mai an mehr als eine Woche Schauplatz eines kirchlichen Großereignisses sein. Im Stephansdom und in den kirchlichen Gebäuden rund um den Stephansplatz findet der Internationale Kongress für eine Neue Evangelisation statt; mit dem Kongress ist die große Wiener Stadtmission verbunden. "Beschwingt" startet das Großereignis am Freitag, 23. Mai. Das Eröffnungsfest ab 18 Uhr am Stephansplatz bietet viel Musik, ein typisch wienerisches Abendessen und für die mehr als 1.000 ausländischen Kongressteilnehmer die Möglichkeit, sich im Wiener Walzer zu üben. Die offizielle Eröffnung von Stadtmission und Evangelisierungs-Kongress sowie die Begrüßung der Teilnehmer werden Kardinal Christoph Schönborn und der Wiener Bürgermeister Michael Häupl ab 20 Uhr vornehmen. Einer der Höhepunkt des Abends ist eine Menschenkette rund um den Stephansdom unter dem Motto "Gute Freunde wollen umarmt werden".

Evangelisationskongress und Stadtmission sind eine gemeinsame Initiative der Kardinäle Christoph Schönborn, Jean-Marie Lustiger (Paris), Jose da Cruz Policarpo (Lissabon) und Godfried Danneels (Brüssel). Wien macht den Anfang, parallele Veranstaltungen werden in den nächsten Jahren auch in den drei anderen Partnerstädten stattfinden. Auch aus anderen europäischen Metropolen gibt es bereits Interesse.

Der Kongress ist eine große Ideenbörse: Wie kann man das Evangelium heute den Menschen bringen? Mehr als 1.000 Teilnehmer aus dem Ausland haben sich angemeldet, auch aus Australien und Lateinamerika; sehr viele auch aus den ostmitteleuropäischen Reformstaaten. Aber es bleibt nicht bei der Theorie. Denn mit dem Kongress ist die große Stadtmission verbunden. Überall in Wien macht die Kirche ihre Türen weit auf, im übertragenen und im wörtlichen Sinn; die "rote Tür", die beim Countdown für die Stadtmission im Einsatz war, ist ein Vorgeschmack davon. Zugleich geht die Kirche hinaus zu den Menschen, dorthin, wo sich das Leben abspielt: in die Cafes, die Kaufhäuser, die U-Bahn-Stationen, die Parks. Insgesamt sind mehr als 1.000 Veranstaltungen vorgesehen. Die Kirche möchte mit den Menschen ins Gespräch kommen, ins Gespräch über Gott und die Welt, über das Leben, über die Frage nach woher, wohin und wozu des Daseins.

In den Tagen des Evangelisationskongresses und der Stadtmission soll das sichtbar werden, was das Zweite Vatikanische Konzil im ersten Satz der Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute zum Ausdruck gebracht hat: "Freude und Hoffnung, Bedrängnis und Trauer der Menschen von heute, besonders der Armen und Not Leidenden aller Art, sind zugleich auch Freude und Hoffnung, Trauer und Bedrängnis der Jünger Christi". Wie Kardinal Schönborn ankündigte, wird die "Stadtmission" nach dem Vorbild von Papst Johannes Paul II. "politisch" (nicht im Sinn von Parteipolitik), an den "Armen und Schwachen" orientiert und auf die Jugend ausgerichtet sein.

Die Kirche muss wieder missionarisch werden, betonte der Wiener Erzbischof im Vorfeld des kirchlichen Großereignisses. Sie sei ihrem Wesen nach missionarisch, auch wenn viele mit dem Begriff Mission falsche Assoziationen verbinden. Mission bedeute keine Abwertung anderer Religionen oder Weltanschauungen. "Wo Christus hinkommt, wird niemandem etwas weggenommen", so Kardinal Schönborn wörtlich. Das Angebot des Glaubens an Christus sei immer ein "Angebot an die Freiheit".

Katholischer Pressedienst



Stadtmission: Tausende Freiwillige tragen zum Gelingen bei

Tausende freiwillige Mitarbeiter tragen zum Gelingen der Wiener Stadtmission und des Internationalen Evangelisationskongresses bei. Etwa 250 freiwillige Mitarbeiter sorgen allein für den reibungslosen Ablauf der zentralen Veranstaltungen rund um den Stephansdom. Dazu kommen nochmals 250 Mitarbeiter der Gemeinschaft "Emmanuel" sowie tausende Freiwillige in den Wiener Pfarren. Auf und rund um den Stephansplatz stehen eine große Bühne und 10 Großraumzelte zur Verfügung, täglich wird für 800 bis 1.500 Personen gekocht.

Mehr als 1.000 Kongressteilnehmer aus dem Ausland wurden bereits registriert; zusätzlich rechnet man mit jeweils 1.000 Tagesgästen. Vom Programmheft wurden 150.000 Stück gedruckt, das noch stärker ins Detail gehende Teilnehmerheft erscheint in einer Auflage von 6.500 Stück in vier Sprachen: Deutsch, Englisch, Französisch und Portugiesisch.

Nach zahlreichen durchgearbeiteten Nächten und mit viel Improvisationsgeschick sei man nun für die Großveranstaltung gerüstet, so Andrea Geiger vom Organisationskomitee.

Katholischer Pressedienst


 

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